Der Vatikan scheint endgültig im Social Web angekommen zu sein. Bereits zum dritten Mal hintereinander geht Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel auf die Entwicklungen im Internet ein, die man meist unter dem Schlagwort „Web 2.0″ zusammenfasst. Nachdem der Papst im Jahr 2009 erstmals die „neuen Technologien und neuen Verbindungen“ des Sozial Web wahrgommen und im vergangenen Jahr, im „Jahr des Priesters,“ vor allem die Rolle des Seelsorgers in der digitalen Welt behandelt hatte, greift er in diesem Jahr die Kommunikation in sozialen Netzwerken auf.
Was mich bei der Lektüre besonders gefreut hat, ist die Klarheit, mit der Benedikt XVI. die „digitale Revolution“ der sozialen Netzwerke erkennt:
„Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise, Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu schaffen.“
Dabei hat er besonders im Blick, dass es im Web 2.0 auf die Person ankommt: auf persönliche Kommunikation und Interaktion, die das einseitige Gefälle von „Producer“ und „User“ aufhebt:
„In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver Beziehungen gesehen wird.“
Daraus leitet der Papst einen besonderen Stil christlicher Kommunikation in sozialen Netzwerken ab, der von Offenheit und Aufrichtigkeit geprägt sein muss. Weil es bei Facebook & Co. darum geht, nicht nur irgend etwas, sondern gewissermaßen sich selbst mitzuteilen, können und sollen Christen authentisches Zeugnis von ihrem Glauben und von ihren Werten und Lebensmaximen abgeben. Auf diese Weise können Online-Netzwerke zu einem neuen Forum der Evangelisierung werden:
„Im übrigen zeigt die den social networks eigene Dynamik, daß ein Mensch immer in das, was er mitteilt, miteinbezogen ist. Beim Austausch von Informationen teilen Menschen bereits sich selbst mit, ihre Sicht der Welt, ihre Hoffnungen, ihre Ideale. Daraus folgt, daß es einen christlichen Stil der Präsenz auch in der digitalen Welt gibt: Dieser verwirklicht sich in einer Form aufrichtiger und offener, verantwortungsvoller und dem anderen gegenüber respektvoller Kommunikation. Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird. Im übrigen kann es auch in der digitalen Welt keine Verkündigung einer Botschaft geben ohne konsequentes Zeugnis dessen, der verkündigt. In den neuen Kontexten und mit den neuen Ausdrucksformen ist der Christ wiederum aufgerufen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).“
Wie zu erwarten ist, preist der Papst die neuen Formen und Möglichkeiten nicht unkritisch an. Vielmehr fügt er einige Mahnungen und Warnungen in seine Botschaft ein. So legt er zum einen grundsätzlich Wert darauf, dass „Kommunikationstechnologien in den Dienst des ganzheitlichen Wohls des Menschen und der gesamten Menschheit gestellt werden“. Zum anderen greift er spezifischere Probleme sozialer Netzwerke auf, etwa die Gefahren, „irgendwie das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten kann“, oder die Versuchung, „sich in eine Art Parallelwelt zu flüchten oder sich exzessiv der virtuellen Welt auszusetzen“. Vor allem aber betont Benedikt XVI., „daß die Wahrheit, die wir mitzuteilen suchen, ihren Wert nicht aus ihrer ‘Popularität’ oder aus dem Maß der ihr gezollten Aufmerksamkeit bezieht. “ Also nicht die Zahl meiner Followers bei Twitter und auch nicht die Zahl der „Like“-Kommentare bei Facebook entscheiden über Wert und Wahrheit unserer Kommunikation.
Die mahnenden Einwände stehen in der päpstlichen Botschaft aber nicht im Vordergrund. Zentrales Anliegen ist vielmehr die Ermunterung, sich auf Online-Netzwerke einzulassen:
„Ich möchte jedenfalls die Christen dazu einladen, sich zuversichtlich und mit verantwortungsbewußter Kreativität im Netz der Beziehungen zusammenzufinden, das das digitale Zeitalter möglich gemacht hat. Nicht bloß um den Wunsch zu stillen, präsent zu sein, sondern weil dieses Netz wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Das Web trägt zur Entwicklung von neuen und komplexeren Formen intellektuellen und spirituellen Bewußtseins sowie eines allgemeinen Wissens bei. Auch in diesem Bereich sind wir aufgerufen, unseren Glauben zu verkünden, daß Christus Gott ist, der Erlöser des Menschen und der Geschichte, in dem alle Dinge ihre Erfüllung finden (vgl. Eph 1,10). Die Verkündung des Evangeliums verlangt eine respektvolle und unaufdringliche Form der Mitteilung, die das Herz anrührt und das Gewissen bewegt; eine Form, die an den Stil des auferstandenen Jesus erinnert, als er sich zum Weggefährten der Jünger von Emmaus machte (vgl. Lk 24,13-35), die er schrittweise zum Verständnis des Geheimnisses führte durch seine Nähe, durch sein Gespräch mit ihnen und dadurch, daß er feinfühlig sichtbar werden ließ, was in ihren Herzen war.“
Die Botschaft endet mit der Erteilung des Apostolischen Segens für alle, die im Kommunikationsbereich tätig sind.
Im Wortlaut: Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel