Verfasst von: tb | Januar 31, 2011

Buchbesprechung: Die Erlöser AG

Josef Gottschlich:
Zwischen Barmherzigkeit und Selbstanmaßung – Björn Kerns Roman “Die Erlöser AG”

Der Spielfilm „Satte Farben vor Schwarz“ mit Senta Berger und Bruno Ganz (läuft zur Zeit im Kino) hat lebhafte und kontroverse Diskussionen zum Thema „Menschenwürdiges Sterben“ ausgelöst. Ähnlich verhielt es sich mit dem Roman „Die Erlöser AG“ von Björn Kern, der im Laufe dieses Jahres für das ZDF verfilmt und somit einem noch größeren Publikum bekannt werden wird.

Der Roman spielt zu einem nicht näher festgelegten Zeitpunkt in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Er beginnt mit einer Bundespressekonferenz, auf der die Abschaffung von Paragraph 216 bekannt gegeben wird: Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) bleibt fortan unbestraft. Bei dieser Konferenz begegnen sich Paul Kungebein, ambitionierter Jungredakteur einer renommierten Berliner Tageszeitung und Hendrik Miller, Oberarzt an der Charité und Vorsitzender der dortigen Ethik-Kommission. Gemeinsam beschließen sie, eine Agentur zu gründen, die unheilbar kranken Senior/-innen einen „sanften Tod“ ermöglicht.

Hintergrund ist die dramatische soziographische Situation in Berlin (und in ganz Deutschland): Erstmals leben dort mehr Neunzig- als Zwanzigjährige, das Rentensystem steht auf äußerst wackligen Beinen und im Westteil der Stadt wurde ein regelrechtes Altenghetto errichtet, mit Krankenzimmern von höchstens sechs Quadratmetern, da ansonsten der Platz nicht reicht. Die mit Abstand häufigste Krankheit dort ist die Demenz; die Lebenserwartung ist aufgrund des medizinischen Fortschritts im Vergleich zu heute noch einmal deutlich gestiegen. Auf jede Pflegekraft kommen so viele alte Patient/-innen, dass für die Versorgung der Einzelnen trotz des großen Engagements der Schwestern und Pfleger kaum noch Zeit bleibt. So werden Demenzkranke meist mit Beruhigungstabletten behandelt und dämmern oft jahrelang vor sich hin. Viele bleiben daher so lange wie nur möglich in ihrer eigenen Wohnung und lassen sich von der Sozialstation versorgen, teilweise mehrmals täglich, doch auch diese Pflegeeinrichtung ist hoffnungslos überlastet und kann nur das Allernötigste für die Patient/-innen tun. Sehr viele der Kranken sind kinderlos und haben auch sonst keine Verwandten mehr, die bei der Pflege und Betreuung mithelfen könnten. Zu den körperlichen Gebrechen kommt somit auch der Schmerz über die Einsamkeit noch mit hinzu.

Anfangs bleibt die Agentur von Miller und Kungebein eher unbekannt, doch dann antwortet Elsa Lindström, über 90 Jahre alt und seit kurzem infolge eines Sturzes im Altenghetto, auf eine Zeitungsannonce. Sie hatte ihr Leben stets selbstständig gemeistert und ein kleines Lebensmittelgeschäft geführt, war jedoch unverheiratet und kinderlos geblieben. Ihre jetzige Situation im Altenghetto, auch ihre immer stärker ausbrechende Demenz, setzt ihr derart zu, dass sie die neu gegründete Agentur telefonisch um Sterbehilfe bittet. Elsa Lindström ist die heimliche Heldin des Romans; die ihr gewidmeten Kapitel (vor allem der Textabschnitt „Wölfe“) gehören zu den eindrucksvollsten des ganzen Buches.

Es wird nun geschildert, wie die Agentur arbeitet: Zunächst erfolgt ein Beratungsgespräch, bei dem ein Schein ausgestellt wird. Danach muss der Patient eine Einverständniserklärung unterschreiben, wobei er noch (weitgehend) im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein muss. Danach wird ihm ein Beruhigungsmittel verabreicht, das zu einem langsamen Einschlafen führt. Nur dann, wenn er während dieser Zeit nicht durch Kopfschütteln den ganzen Vorgang abbricht, wird ihm danach eine Spritze verabreicht, die zu einem ruhigen und schmerzfreien Tod führt. Zumindest einer der beiden Agenturleiter ist dabei die ganze Zeit über bei ihm; auch Angehörige sind zugelassen.

Während bei Elsa Lindström alles so läuft wie geplant (wobei Miller und Kungebein heftigeren Gewissenskonflikten ausgesetzt sind als zuvor vermutet), geraten die beiden beim nächsten Vollzug ins Fadenkreuz der Justiz: Maren Uverath, ALS-Patientin in weit fortgeschrittenem Krankheitsstadium und erst Mitte Vierzig, hatte bei der Agentur um Sterbehilfe gebeten, jedoch die Willenserklärung hierfür nur durch Kopfnicken leisten können, da sie ihre Arme und Hände nicht mehr bewegen konnte. Demzufolge muss Paul Kungebein sogar eine Nacht im Gefängnis verbringen, ehe genügend Entlastungszeugen, vor allem die Tochter der Patientin, seine Entlassung erwirken. Brisant ist, dass ausgerechnet die Tochter von Hendrik Miller, Diana, den Fall angezeigt hat, da sie die Pflegestation leitet, auf der Maren Uverath aktive Sterbehilfe geleistet wurde.

Durch diesen Fall wird die Agentur „AMK“ so bekannt, dass nunmehr dort ständig Sterbehilfe-Anträge eingehen. Dies führt so weit, dass Hendrik Miller am Ende wegen Überarbeitung seinem Kollegen die alleinige Leitung überlässt, auch um noch genügend Zeit mit seiner Frau Elena verbringen zu können. Paul Kungebein willigt ein, bittet Miller aber um einen letzten Gefallen: ihm alle Medikamente zur Verfügung zu stellen, um auch seinem über 90-Jährigen und schwer dementen Vater Viktor, den er allein zu Hause versorgt, aktive Sterbehilfe leisten zu können. Im Roman wird eingehend geschildert, wie sehr sich Kungebein (Single und ganztags berufstätig) um die Pflege seines Vaters bemüht und dabei immer mehr an seine Grenzen stößt, bis er ihm schließlich starke Beruhigungsmittel verabreichen muss, damit sich dieser während Pauls Abwesenheit nicht selbst zu sehr in Gefahr bringt. Kungebein hatte der Mut gefehlt, seinem Vater rechtzeitig die Möglichkeit zu erläutern, selbst um aktive Sterbehilfe ersuchen zu können und trifft nun stellvertretend für ihn und unter großen Gewissensqualen diese folgenschwere Entscheidung.

Deutlich zeigt der Roman die Problematik des Themas „Sterbehilfe“ auf, gerade deswegen, weil es insbesondere dementen Patient/-innen sehr bald nicht mehr möglich ist, sich selbst bewusst und aus freiem, eigenen Willen dafür zu entscheiden. Auch werden die Skrupel der Agenturleiter und der zustimmenden Angehörigen deutlich, ob sie in ihrem Handeln – trotz aller humaner Motivation – nicht doch zu weit gegangen sind. Andererseits macht das Buch aber auch deutlich, dass solche Umstände, wie sie in Kerns Dystopie geschildert werden, ein menschenwürdiges Leben und Weiterleben im Grunde kaum noch zulassen. Demzufolge kann man hier von einer tragischen ethischen Situation sprechen: Wie kann eine fürsorgliche Pflege und Betreuung und ein Sterben in Würde ermöglicht werden, ohne dass der Mensch sich dabei zum Herrn über Leben und Tod erhebt?

Diese Frage lässt Björn Kerns negative Gesellschaftsutopie beunruhigend offen; ebenso wird bestenfalls angedeutet, wie es zu dieser Gesamtsituation kommen konnte, in der das Aussterben eines Volkes schon weit fortgeschritten ist. Trotz aller auch skurrilen Erzählelemente, die latente Hoffnung erahnen lassen, lässt der Roman über die Trostlosigkeit einer Welt ohne Kinder keinen Zweifel offen. Mit Ausnahme der noch weitgehend intakten Ehe zwischen Hendrik und Elena werden uns fast ausschließlich einsame und vereinsamte Menschen vorgestellt, etwa Paul Kungebein (trotz der starken Bindung zu seinem Vater) oder Millers attraktiver Tochter Diana, die sehr darunter leidet, dass keiner ihrer Partner dauerhaft bei ihr bleiben will.

Gerade weil der Roman diese Missstände sehr eindringlich beschreibt, aber keine Antworten auf die von ihm aufgeworfenen Probleme bereithält, kann er ein sehr hilfreicher Denk- und Gesprächsanstoß sein, gerade auch im Hinblick auf ethische und religiöse Fragen. Dass aus ihm die Sehnsucht nach geglückten zwischenmenschlichen Beziehungen und menschenwürdigen Lebensbedingungen, gerade auch für Kranke und Sterbende spricht, steht außer Frage. Doch macht er uns auch mit bedrückender Illusionslosigkeit klar, wie schwer die von ihm aufgezeigten Probleme in Zukunft zu lösen sein werden.

Kern, Björn:  Die Erlöser AG. Roman. München: C. H. Beck, 2007, 269 S., Mediathek-Verleih-Nr.: 2081865 (St6-19)

Josef Gottschlich ist Referent in der Mediathek für Pastoral und Religionspädagogik Freiburg


Kategorien

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 33 other followers